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Alle reden über die Einheit; nur wenige reden über Helmut Kohl. Dabei hatte er als Kanzler seit 1982 in West und Ost so viel Vertrauen erworben, dass sein Wort galt: Er werde das künftig vereinigte Deutschland in die westlichen Systeme der Nato und der EU „einbinden". In seiner Rede am 3. Oktober 1990 in der Philharmonie zu Berlin verzichtete Kohl auf alle Töne des Triumphs und versicherte, Deutschland werde nie wieder ein „ruheloses Reich" sein würde.
Wie kann es sein, dass 20 Jahre danach der Kanzler der deutschen Einheit nahezu hinter seinem Werk verschwindet? Die kurze Antwort lautet: Die Diplomatie der Krise, die zur Einheit führte, war erfolgreich - zu erfolgreich, um Raum für die Frage zu lassen, was daran innere Logik, Revolution von unten oder große Staatskunst war in dem Dreieck zwischen Weißem Haus, Kreml und Kanzleramt.
Peter Boenisch, damals Staatssekretär im Kanzleramt und Sprecher Kohls, hat einen Satz von Edvard Schewardnadse überliefert, letzter Außenminister der weiland Sowjetunion, der die Höhe des Einsatzes verdeutlicht: „Peter, es ging 1989/90 nicht um deutsche Einheit oder Nicht-Einheit. Es ging um deutsche Einheit oder Krieg - Atomkrieg".
In einem Wort: Nichts musste so kommen, wie es dann kam. Vieles hätte auch anders abgehen und in Krise und Katastrophe enden können. Denn als am 9. November 1989 die Mauer fiel, war dies nicht Endpunkt, sondern Wendepunkt aus der Statik eines bipolaren Systems in die Dynamik einer unberechenbaren Zukunft. Der Mauerfall war Höhepunkt der größten und gefährlichsten Ost-West-Krise seit 1945, eingeschlossen zwei Berlin-Krisen und die Kuba-Krise.
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